neunter Tag

»You should see my favorite people,
You catch a glimpse of gold through their skins.
I walk on air whenever I’m with them,
They’re where the happiness begins.
And I’m alright on my own, but with them I’m much better
They’re like diamonds and diamonds are forever.«

Boy ~ Army

Dienstag, heute übertreibe ich’s einfach mal ein bisschen und fange erst zu 4ten Stunde an. Nach dem etwas längeren Abend gestern kann ich aber die Zeit nicht wirklich nutzen, wache viel zu früh auf und sitze doch schon zur großen Pause in der Schule. Na was solls, hab mich halt an die 3te gewöhnt.
Dann nutze ich die Zeit eben um meine Stundenvorbereitung nochmal zu überdenken, daran herumzufeilen, mich ein bisschen verrückt zu machen – und mit Lehrern zu sprechen. Das ist spannend. Lauter verschiedene Perspektiven, Meinungen, Herangehensweisen. Manche kann ich schnell nachvollziehen, bei anderen muss ich mir wohl noch ein bisschen Zeit geben. Das kennt man ja auch aus anderen Situationen, warum sollte das hier anders sein. Auch die Berufsgruppe Lehrer ist eine mit vielen verschiedenen Charakteren.
An Mathe in der 7ten gewöhne ich mich langsam, ist vielleicht für Donnerstag auch von Vorteil. In der Stillarbeitsphase geh ich mit rum und beantworte mal mehr mal weniger erfolgreich Fragen. Hey, die Trefferquote wird bestimmt besser mit der Zeit. Außerdem merke ich, dass viel mehr Stoff bekannt ist, als ich vorausgesetzt habe, juhuu, ich kann nochmal umplanen. Es heißt ja schließlich “wer rastet, der rostet.”
Die Kinder haben “Wege des Glücks” im Klassenzimmer ausgehängt, sie sind gesäumt von iPhone-, iPad-, Auto- und Villawünschen, der ertragreiche Job, die Hochzeit mit “einer geilen Frau” finden auch Erwähnung. Ich kann mich nicht entscheiden zwischen leisem Kichern, Augenbrauenhochziehen und mich ungläubig im Klassenzimmer umgucken. Die ein oder andere härtere Nummer ist auf den Plakaten auch zu finden, aber das ist kein Thema für diesen Blog. Ja, wie Tischwürfe sind das alles Teile des Lehreralltags. Es scheint mir ganz gut, auch das wieder in Erinnerung gerufen zu bekommen.

Anschließend Mathe in der 10. Als die Lehrerin die Klasse verlässt um etwas aus dem Lehrerzimmer zu holen, arbeiten alle still und konzentriert weiter an den Aufgaben, die sie bekommen haben. Ich frage mich, ob ich im falschen Film bin. Überhaupt, die 45 Minuten vergehen wahnsinnig schnell, irgendwie kam mir das früher viel länger vor.
Ich hetze jedenfalls gleich in die Turnhalle – 5 Minuten zwischen zwei Stunden sind wirklich nicht viel Zeit – um noch eine Stunde Sport in der 5ten zu besuchen. Es ist das unfassbare passiert, ich hab meine Turnschuhe vergessen. Wie sagte mein Papa früher so schön “wenn du deine Schultasche schon abends packst, passiert dir das nicht!” Daran muss ich denken, schmunzle kurz und geh dann auf Socken in die Halle. Ätsch! Geht auch so, wir machen nämlich Bodenturnen.

Feierabend! Ich bin eigenartigerweise wieder ziemlich geschafft, hau mich für ne halbe Stunde hin und werd dann in den Park beordert zum Scheibenwerfen. Man, das ist so schön hier! In der Sonne werfen im Park, anschließend Pfannkuchen/Eierkuchen (ich versuche mehrsprachig, wie ihr vielleicht merkt, für Nord und Süd. Wenn ich Namen schreiben würde, könnte man feststellen, dass ich mich langsam adaptiere: “der Max Mustermann hat…, die Erika meinte dazu..” Aber so lang ich noch frage ob alles in Ordnung is und nich isch, isch alles gut, gell?) und Eis und eine wunderbare Sicht auf Stuttgart vom Dach. Warum hab ich das eigentlich nicht fotografiert? Das muss ich nachholen!

Für morgen hab ich mal was ganz Verrücktes geplant, ab zur 1ten Stunde. Mal gucken, wie sich das anfühlt. Nachmittags dann noch Konferenz. Ich hab gedacht, wenn – dann richtig!
Also hau ich mich mal schleunigst aufs Ohr. Gute Nacht und bis morgen!

Standard

siebter+achter Tag

»Do you realize
All the falls and fights
All the sleepless nights
All the smiles and sighs
They brought you here«

Boy ~ July

Der Sonntagmorgen ist mindestens so gut gelaunt wie der Samstag und so mach ich mich sonnig auf den Weg. Heute hab ich mir den Weg vom Hauptbahnhof zum Killesberg vorgenommen.

grünes u

Wie man sehen kann, geht es die ganze Zeit durch schöne Parkanlagen. Sonntagmittag bin ich selbstverständlich nicht allein unterwegs, lauter Familien mit großen und kleinen Kindern, viel Lust zu spazieren und gezwungenermaßen schlendern durch die Parks und versperren Joggern und Radfahrern den Weg. Die Frühlingsblüher sind auch am Start. Ich finds super:

Frühblüher

Mein Weg führt mich vorbei an der Wilhelma, dem Stuttgarter Zoo, wo ich eine seltsame Spezies hinter Gittern beobachten kann. Sie wird sogar mit Beschäftigungstherapie aktiv gehalten:

20140223_132820_resized

Etwas weiter gelingt mir dieser Schnappschuss, der die Spielzeuge vielleicht ganz gut zusammenfasst:

Geld, Autos, Wein

Wer erkennt, was ich meine? 🙂

Etwas weiter stolpere ich über folgendes Gedicht:

20140223_135213_resized

»Aus ihren Ruinen kommen wir
aus ihren Gärten
Wir gehen über sie hinweg
wie man über uns hinweggehen wird
Es bleiben
unsere Namen
flüchtig«

Geschrieben hat es Christoph Lippelt, 1938 geboren, 1984 bis 1999 niedergelassener Hautarzt. Hab ich gerade herausgefunden. Da darf jetzt jeder selbst etwas zu denken. Ich hab mir auch meins gedacht. Hehe.Außerdem kann ich in dem Grünbereich meinem Entdeckungsdrang nachgeben und durch Büsche an Hängen herumklettern und entdecke scheinbar Ruinen der Villa Moser.
http://de.wikipedia.org/wiki/Kunststation_Villa_Moser#Villa_Moser

Villa Moser

Ein Stück weiter komme ich endlich in den Höhenpark Killesberg, wo ich nach den stundenlangen Strapazen erstmal einkehren muss. Es gibt endlich mal so was richtig Schwäbisches: Kässpätzle und unfassbar guten Kartoffelsalat. (Nicht vergleichbar jedoch mit dem meiner Omi und meines Opis!)
Danach werfen wir noch ein paar Scheiben im Park – ist immer gut – und ich geh früh schlafen für die neue Woche.

Die beginnt heute gleich mal wieder mit der 3. Stunde, yay! Und überhaupt: vier Stunden Sport am Stück. Das kann ja nur gut werden. Wird es auch. 5te Klasse Volleyball und dann 11. selbes Thema. Ich verbringe also einen entspannten Tag in der Schule, komme nach Hause, bereite meinen Unterricht für Donnerstag weiter vor (haha, das wird mir später nie wieder passieren) und dann ist auch schon Zeit für Ultimate. Juhuuu!
Wir spielen um Platz drei (in der Stuttgarter Winterliga) in einem verdammt engen Spiel. Am Ende siegt die Mannschaft mit mehr Glück. Irgendwie. Wobei es ja auch immer an Situationen früher im Spiel liegt. Wenn man den Punkt… oder diese Defense oder ach naja. Hey 4. von 6 ist auch super! Und überhaupt freue ich mich hier so freundlich aufgenommen worden zu sein, mitgespielt haben zu dürfen und sowieso!

Jetzt wirds Zeit zum Schlafen, aber Stuttgarter Kneipen muss ich eben auch mal kennenlernen!

Liebe Grüße und bis die Tage!

Standard

fünfter+sechster Tag

»dear city i live in
i want to be your friend
will you let me be your friend

you’re where it starts
i’m singing “no guts no glory”
on your silver streets
what are you holding for me«

Boy ~ Silver Streets

Freitag: Hab mich mittlerweile an den Start zur dritten Stunde gewöhnt. Das muss sich meiner Ansicht nach auch nicht ändern. Hehe.
Beginne mit Mathe 5te Klasse. Als mich die Lehrerin vorstellen will, rufen die Kinder rein, dass sie mich doch schon kennen und einige haben sich sogar meinen Nachnamen gemerkt. Also werde ich gleich routiniert mitbegrüßt und setze mich wieder auf meinen Beobachterposten hinten in der Klasse. Es wird schriftlich addiert, dividiert, multipliziert und subtrahiert. Textaufgaben. Ich bin beeindruckt, wie selbstständig doch schon vieles läuft.
Bei Fragen, wenden sich die Schüler an ihren Lehrer, ich merke, dass ich noch sehr zurückhaltend bin, was den Schülerkontakt angeht. Gar nicht, weil ich es nicht wollte, sondern aus Angst etwas falsch zu machen. Vielleicht haben sie gelernt auf ganz bestimmte Weise zu rechnen und ich bringe sie mit meiner “Hilfe” völlig durcheinander, vielleicht fühlt sich die Lehrkraft ihrer Kontrolle beraubt? Klar, das sind Dinge, die ich vorher klären sollte. Hab ich bis jetzt aber immer wieder vergessen. Neue Woche neues Glück!Anschließend Sport in der 6ten. Reck. Felgaufschwung. Hey, den üb ich auch gerade. Bin ein bisschen neidisch, wie gut es bei den allermeisten klappt. Ich werde ermuntert aktiver am Unterricht teilzunehmen und das klappt auch ganz gut. Gebe Tipps (haha, weil ichs eben so gut kann) und ernte dankbare Blicke, wenn sie helfen. Tja, vielleicht sollte ich manchmal einen Gedanken weniger denken und einfach machen – oder zwei, drei.
Nach der Schule bin ich vollkommen geplättet und falle in ein kleines Motivationstief. Die fremde Stadt macht mir plötzlich Angst und ich fühle mich auf mich alleingestellt. Was ich gerade noch als große Chance und erstrebenswert emfpand, verunsichert mich auf einmal.
Also einmal tief durchgeatmet und dann der “Angst” gestellt. Auf in die Stadt. Dabei ist dann auch das folgende Bild entstanden:

du bist nicht allein

Und plötzlich fühl ich mich gar nicht mehr ganz so allein. Danke Only 😉
Ich erkunde die Königstraße und ihre Geschäfte. Dabei lande ich dann auch auf dem schönen Schlossplatz. Hier ein verpsrochenes Tourifoto:
20140221_165057_resized

Und plötzlich ist es so spät, dass ich nach Hause rennen muss um noch halbwegs pünktlich zum Unitraining Ultimate zu kommen. Nach dem Training bin ich so müde, dass ich nach dem Abendessen einfach einschlafe, dabei hatte ich doch noch so viel vor. Na gut, vielleicht klappt es am Samstag besser.

Der begrüßt mich auf jeden Fall mit ordentlich Sonne und so entschließe ich mich zu einem mittäglichen Spaziergang. Der führt mich über die
Molt Staffel

Molt Staffel

Staffeln, das sind diese überall versteckten Treppen, die einen irgendwohin führen und die nicht unwesentlich zu Verwirrung führen, angeblich. Sie werden dabei auch von der lustigen Straßenführung unterstützt, die auf dem Prinzip beruht, dass man um auf dem kürzesten Weg von einem Punkt A zu einem Punkt B kommen möchte eine exakte Reihenfolge von Straßen/Staffeln laufen muss, da sie häufig nicht parallel verlaufen und Querverbindungen (gefühlt) alle Jubelkilometer vorkommen. Hat man also einmal einen falschen Abzweig genommen, ist es häufig kürzer umzudrehen und den ursprünglich richtigen Weg zu laufen, da die Alternative durchaus doppelt so lang ausfallen kann.
Naja, ich musste bis jetzt noch nirgends wirklich dringend hin, wenn ich in mir unbekannten Gegenden unterwegs war, darum hab ich mich quasi nie verlaufen, sondern nur die Gegend erkundet.
Ich finde ja, dass das Stuttgart auch ein bisschen charmant macht, quasi eine Stadt für fortgeschrittene Orientierung oder so. Am oberen Ende dieser Emil-Molt-Staffel jedenfalls angelangt, wurde ich mit einer wunderschönen Aussicht belohnt.
blick1

Vorbei geht’s an der FWU
und dem
20140222_141920_Richtone(HDR)_resized
zur Sternwarte:
Sternwarte

Davor sitzt eine Skulptur, in der ich mich gerade gerne wiederfinde:
Schauendes Mädchen

Es ist mittlerweile kalt geworden, die Sonne ist verschwunden und ich hab es mit der frühlingshaft wenigen Kleidung ein bisschen übertrieben bzw. unter-, darum muss ich schnell weiter.
Also noch schnell ein Panorama von der Aussichtsplattform auf der Uhlandshöhe:
Uhlandshöhe

Und dann absteigen. Irgendwo in der Nähe, haben meine Mama und mein Bruder vor etwa 14 Jahren gewohnt. Das Haus will ich noch finden und dann wieder ins Warme. Am Fuß der Treppe angelangt stehe ich plötzlich davor.

Haus

Das ist das Haus. Ich hätte es vorher auf keinen Fall beschreiben können, aber jetzt bin ich mir ganz sicher.
Aus einem der Fenster oben habe ich einen Nachmittag sehnsüchtig rausgeschaut, weil mein Bruder und ich mit unserem kleinen neugeborenen Bruder für kurze Zeit allein zuhause waren und er einfach nicht aufhören wollte zu schreien. Außer der Erinnerung daran, ist aber kein bleibender Schaden geblieben, glaub ich 😉
Den Nachmittag verbringe ich faul im Bett. Jetzt wirds aber Zeit mal wieder in die Gänge zu kommen.
Mal sehen, ob es morgen Berichtenswertes gibt.
Euch noch ein schönes Wochenende und bis die Tage!

Standard

vierter Tag

»And with the summer comes the madness
All your faces in the night
We light our fires on the lawn
And build a temple to save us from the dawn«

The Cat Empire ~ Prophets In The Sky

Heute hab ich mir mal so richtig was gegönnt. Der Wecker muss erst um 8:00 Uhr ran. Wer nachgesehen hat, wann der gestrige Eintrag veröffentlicht wurde, weiß, dass das nicht unbedingt viel mehr Schlaf bedeutet. Trotzdem habe ich das Gefühl viel ausgeschlafener zu sein. Draußen begrüßt mich Stuttgart mit Sonne und lauter gut gelaunten Menschen. Hauptbahnhof, U-Bahn, das kennen wir ja nun zur Genüge (Das musste ich nachschlagen, falls es noch jemandem nicht ganz geläufig sein sollte:  http://www.duden.de/rechtschreibung/Genuege)

Erste Stunde Mathe 8te Klasse. Es wirkt erstmal wie immer (haha. Nach drei Tagen von immer sprechen. Aber so fühlt es sich eben an.) Abgesehen davon, dass der Lehrer vergisst mich vorzustellen. Die Kinder werfen mir unsichere Blicke zu, ich lächle souverän zurück. So gut es geht.
Es ist sehr unruhig, ich überlege, woran das liegen könnte. Bei Fragen zur kommenden Klausur und dem Schwierigkeitsgrad der Aufgaben kommt die Aussage “wenn ihr bei einer Aufgabe merkt, dass ihr sie nicht könnt, stellt sie zurück und macht etwas anderes. Mit den Standardaufgaben ist eine 3-4 auf jeden Fall drin. Eine 1 ist eben nicht für jeden machbar.” Ist das eine Vorbereitung auf persönliches Scheitern? Sollen sich die Schüler von vornherein damit abfinden, dass sie für eine 1 eben nicht gemacht sind? Sollen 13-jährige schon routiniert resignieren?
Gleichzeitig fühle ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt. Fange an zu träumen. Plötzlich werde ich mir des Umstands bewusst, dass ich, würde man mich nach dem Verlauf der letzten 5 Minuten fragen, nur rumstammeln und rot werden könnte. Das fühlt sich für kurze Zeit wirklich wieder so an, als müsste ich dem Unterricht folgen und schaffe es einfach nicht. Liegt das an der Art der Unterrichtsgestaltung oder bin ich einfach nicht in der Lage mich zu konzentrieren?
Gleiche Klasse, Sportunterricht. Wieder fällt mir auf, wie anders Kinder auf einen wirken, je nachdem ob sie in Alltagskleidung im Klassenzimmer sitzen oder in Sportsachen durch die Turnhalle pesen.
Anschließend gibt es ein Gespräch mit unserer Mentorin. Sie kümmert sich absolut hingebungsvoll und ermuntert uns immer wieder, uns zu melden, sollte irgendetwas sein. Wir sprechen über Lehrerpersönlichkeiten, Eigenschaften, Aufgaben, Qualifikationen. Mir fallen die Begriffe vom Plakat der 10ten ein. Es klingt erstmal ganz schön viel und schwierig. Ist es sicher auch. Aber die Erfahrungen, die ich hier sammeln kann, entmystifizieren den Lehrerberuf auch. Es ist nicht so, dass die Menschen, die Lehrer sind, zaubern können oder im Gegensatz zu mir irgendetwas haben, was ich mir nicht aneignen könnte.
Die erste Woche ist jetzt also beinahe rum und ich fühle mich in meiner Idee zurück an die Schule zu gehen durchaus bestärkt. Ich genieße es allerdings gerade noch ziemlich zeitig Schulschluss und Feierabend zu haben.
Das sonnige Wetter läd dazu ein im Schlossgarten an meinen Würfen fürs Ultimate zu arbeiten, was einfach dringend nötig ist. Glücklicherweise gibt es hier nette Menschen, die auch noch direkt um die Ecke wohnen und beinahe zu jeder Tages- und Nachtzeit (wobei die wegen des fehlenden Lichts eher unsinnig ist) bereit sind, meinen vollkommen verworfenen Scheiben hinterherzurennen. Ich kann jedenfalls der “Generation Praktikum” zumindest in diesem begrenzten Zeitraum jede Menge abgewinnen.
Bis jetzt bin ich leider noch nicht wirklich dazu gekommen mir Stuttgart so richtig anzugucken. Ich verlauf mich zwar schon immer absichtlich, aber der Radius ist bis jetzt noch relativ klein. Hoffe da noch ein bisschen auf die Wochenenden. Fotos hab ich bis jetzt irgendwie auch nur nachts gemacht, wehalb mir das Hochladen ziemlich sinnlos erscheint. Man erkennt ja doch nichts.
Okay, Plan für morgen: nach der Schule ist die Touristentour fällig!

»And I’ll follow you to any doorstep, any hallway
With hope of finding more
Not feel shallow not get bored«

Anna Ternheim ~ I’ll follow you tonight

Gute Nacht und bis morgen!

Standard

dritter Tag

»Wer hat den Menschen gemalt, der so vier Arme und Beinde hat, da Vinci oder Galilei?«
»Da Vinci, du Honk, Galilei kann doch nicht mal malen. Der hat rausgefunden, dass die Erde eine Kugel ist«
»Nein, das war der andere.«
»Meinst du Kopernikus?«
»Ach ich hab doch keine Ahnung von Geschichte.«
»Na dann sei doch still, du Honk!«

Nachdem ich gestern also fast im Matheunterricht eingeschlafen wäre, fange ich heute erst zur zweiten Stunde an. 8:30 Schulbeginn, das ist schon etwas humaner. Eine Stunde Mathe in einer anderen 7ten. Gleiches Thema, gleiche Lehrkraft, vollkommen andere Situation. Das ist es, worum es geht.
Es ist die 7te in der ich eine Stunde unterrichten könnte. Also gucke ich sie mir doppelt genau an. Haben gar nicht so lange oder scharfe Zähne, Krallen kann ich auch nicht erkennen. Vielleicht tun die mir gar nicht so viel. Ich kanns ja mal versuchen. Hab mich also letztendlich durchgerungen und das Angebot angenommen
Nächste Woche Donnerstag darf ich das Thema Gleichungen einführen.Wenn die lieben in der Oberstufe also irgendwann Probleme mit Gleichungen haben sollten, können die das alles auf die doofe Praktikantin schieben, die ihnen das nicht ordentlich erklärt hat. Oder so.
Anschließend eine 5te Klasse im Sportunterricht. Volleyball. Es ist sehr unruhig, sehr laut und irgendwie macht nur die Hälfte der Schüler, was sie machen sollen. Selbstverständlich eignen sich Volleybälle hervorragend um Mitschüler abzuwerfen und überhaupt wollen die kleinen später mal große Fußballer werden, wozu also Hände benutzen?
10te Klasse, Mathematik. “Hallo, mein Name ist Frau XY und ich mache für zwei Wochen ein Praktikum an dieser Schule. Ich möchte nämlich auch Lehrerin werden und heute schaue ich mir mal den Unterricht bei euch an!” “Na herzliches Beileid!” “Genau, also versaut es den zukünftigen Schülern nicht!” Okay, an meiner Schlagfertigkeit kann ich noch arbeiten. Weiß ich. Ich mag Humor ja staubtrocken, aber dazu gehört einfach eine Abgebrühtheit, die (noch?) nicht meine ist. Nach diesem etwas anderen Start, bin ich sehr gespannt, wie wohl diese Stunden werden wird. Doch kaum steigt die Klasse ins Thema ein, herrscht konzentrierte Stille und ich bin echt beeindruckt. Mit ein bisschen Glück und Geschick bekommt man sie als Lehrer doch alle. Außerdem entdecke ich ein spannendes Plakat, darauf steht:

Hallo, Sie da vorne – Lehrer AGB
Ruhe, Fairness, Respekt, Verständnis, Humor, Motivation, Unterstützung, Gleichberechtigung.

Ja, ja – was Lehrer von den Schülern fordern wollen, müssen sie selbst auch zu geben bereit sein. Ein weiteres gutes Thema zum Nachdenken.
Nach der Schule erkunde ich die etwas weitere Umgebung von Stuttgart. Das ist auch der Grund, warum ich nicht gleich mittags zum Schreiben gekommen bin, was definitiv der bessere Zeitpunkt am Tag ist, wie man diesem ziemlich knappen und wirren Bericht entnehmen kann. Na gut, morgen wirds wieder anders. Der Ausflug endet mit dem Outdoor Training in Ditzingen unter Flutlicht und Regen. Es ist schön, wieder zu laufen, und eine deutliche Umstellung im Vergleich zur Halle. Die Wege sind plötzlich so viel weiter und die Würfe irgendwie viel schwieriger. Wird Zeit, dass der Sommer nach Berlin kommt und wir wieder ordentlich draußen trainieren können!

Mit diesen motivierenden Worten an den Sommer beschließe ich den heutigen Eintrag und finde, ich muss dringend ins Bett.
Liebe Grüße an alle und bis morgen!

Standard

zweiter Tag

6:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Im Halbschlaf schalte ich ihn aus. Verfluche den Menschen, der sich eine erste Stunde vor 8:00 Uhr ausgedacht hat. Aber es hilft alles nichts. Also kämpfe ich mich raus aus den Federn – das ist gar nicht mal nur symbolisch zu verstehen, mein Daunenschlafsack hat nämlich mittlerweile doch ein paar Löcher, aus denen über Nacht jede Menge Füllmaterial herausschwebt. Ich fühle mich sehr lebendig, da sich jede Menge Muskeln schmerzhaft bemerkbar machen. Ja, ich hab gestern beim Ultimate nicht nur zugeschaut, das liegt mir einfach nicht. Als ich mich dann in die Kälte hinausstürze (habe beim Packen irgendwie mal wieder vergessen, dass eigentlich immernoch Winter ist) erwartet mich folgender Anblick:

Schulweg bei "Nacht"

Ich habe den Weg zum Hauptbahnhof schon ziemlich liebgewonnen. Er ist so eine nette Konstante für mich geworden. Überhaupt gefällt mir, was ich bis jetzt von Stuttgart zu sehen bekommen habe. Vielleicht gefällt mir auch einfach nur das Neue, das selbst ausgesuchte. Aber das ist ja im Prinzip auch nicht so wichtig, ich darf mich einfach freuen.

Die Bahn kommt diesmal auch nur wenig zu spät und so stehe ich also pünktlich um 7:45 Uhr in der Turnhalle mit einer wuseligen 5ten Klasse und einer Seilkür auf dem Plan. Zu den tollsten aktuellen Bravo Hits springen, hüpfen und tanzen die Kinder durch die Gegend und ich finde es gar nicht mehr schlimm so früh aufgestanden zu sein.

»And I want you
We can bring it on the floor
You’ve never danced like this before
But we don’t talk about it«

Das hab ich gerade noch mitten in der Nacht auf der Tanzfläche gehört, jetzt singen die kleinen Jungen und Mädchen lauthals mit. Lustig.
Anschließend habe ich eine sogenannte Hohlstunde. Der Name passt ganz gut zu meinem Zustand. Der wenige Schlaf macht sich doch langsam bemerkbar und ich bin ganz froh, dass ich im folgenden Matheunterricht in der 7ten nicht mit dem Kopf auf dem Tisch einschlafe.
Thema Äquivalenzumformungen. Das kann ich! Also konzentriere ich mich heute mehr auf das Auftreten und Verhalten des Lehrenden und die Wirkung auf die Lernenden. Ein Schüler meldet sich beim Vergleichen der Hausaufgaben freiwillig um zu sagen, dass er sie nicht dabei hat und bekommt dafür nicht mal einen Eintrag oder eine Rüge. Ich habe das Gefühl, zwischen dem Lehrkörper und der Klasse stimmt es einfach. Das schreib ich mir auch gleich auf. So will ich das auch machen. In der Übungsphase spricht die Lehrkraft mir gegenüber an, wie schwierig es heute vielen zu fallen scheint, ein Problem eigenständig anzugehen und verschiedene Wege auszuprobieren. Wie schwierig es aber auch für den Lehrer sein kann, diese “Not” der Schüler auszuhalten und sie einfach machen zu lassen.
Ich kann mir das Szenario gut vorstellen, dass man der Einfachheit halber dem Kind einfach schnell vormacht, wie es etwas zu tun hat, damit es das nur noch nachmachen muss. Geht ja viel schneller als es 10 Wege ausprobieren zu lassen. Ein interessanter Gedanke und ich krame in meinen Erinnerungen nach Momenten, wo ich es mir auch einfacher gemacht hab und in einer “lehrenden” Position dem “Lernenden” die Chance genommen habe, etwas selbst herauszufinden, kreativ zu sein.
Wieder erfahre ich, dass sich hier jemand Gedanken um die Kinder macht. Bestimmt nicht immer die leichteste und zeitunaufwendigste Art seinen Lehrerberuf auszuüben, aber ehrlich gesagt scheint es mir die beste zu sein.

Nach der Stunde schlägt mir die Kollegin vor, ich solle doch selbst mal eine Stunde unterrichten. Ich falle aus allen Wolken. Bin gerade den zweiten Tag in der Schule nach 6 Jahren, habe keine offizielle Sekunde pädagogischer Ausbildung hinter mir und sie traut mir ernsthaft zu eine Stunde zu geben? Na holla. Sie wiederholt ihr Angebot und mittlerweile bin ich mir gar nicht mehr ganz so sicher, dass ich auf jeden Fall ablehnen werde. Sie gibt mir eine super Chance im einigermaßen geschützten Rahmen eine Lehrerfahrung zu machen und sofort Feedback zu bekommen. Wahrscheinlich werde ich mich überwinden. Mal sehen.

Heute wage ich mich auf jeden Fall noch mal auf ins Abenteuer Einkaufen. Das Abseilen zum Laden ist eigentlich immer ganz witzig, aber das anschließende Klettern mit vollem Rucksack dann doch auch sehr anstrengend. Und ich geh ganz sicher mal früher schlafen. Haha.
Euch wünsche ich auf jeden Fall einen schönen Tag und melde mich morgen wieder.

Ach an dieser Stelle noch einen lieben Gruß an meine Mama: Danke für meinen ersten Kommentar! Ich hab mich echt gefreut. Und wenn es jemandem von euch noch in den Fingern kribbeln sollte: ich freu mich von euch zu hören!

Muss hier gerade mal ans Ende noch einen kurzen Gedanken aus dem Matheunterricht reinmogeln, der meine Verfassung zu dem Zeitpunkt vielleicht ganz gut wiedergibt: Alleinstehender Term such Ergänzung zur Äquivalenzumformung. Musste mir hart das Lachen verkneifen. Zeit für Mittagsschlaf, right?

Standard

erster Tag

Montag um 7:00 Uhr. Der Wecker klingelt. Trotz relativ kurzer Nacht und anstrengendem Turnier am Wochenende bin ich hellwach. Muss wohl die Aufregung sein. Aufregung? Huch, wo kommt die denn plötzlich her? Ich höre jemanden duschen und mir fällt auf, dass ich bis jetzt noch niemandem aus der WG über den Weg gelaufen bin. Muss dann jetzt irgendwie auch nicht sein so zwischen Tür und Angel. Passiert auch nicht. Fühl mich wie eine Agentin mit einem geheimen Auftrag. Oder eben wie in einem anonymen Wohnheim.

Dreiviertel acht/viertel vor acht/7:45 geh ich aus dem Haus und wieder zum Hauptbahnhof. Wieder durch den Schlossgarten, der um diese Uhrzeit aber deutlich belebter ist als Sonntagabend um 21 Uhr. Dort angekommen finde ich wider Erwarten einen komplett leeren Fahrkartenschalter, an dem ich nun meinen Verbundspass bekomme, ohne den ich nicht berechtigt wäre eine Wochenkarte zu kaufen. Soweit so gut. Runter zur U-Bahn. Dort folgt die erste kleine Verunsicherung. Die Bahnlinie, die ich nehmen will, steht nicht dran und überall kleine Hinweisschilder “Achtung, aufgrund umfangreicher Baumaßnahmen gibt es Veränderungen in den Linienführungen und veränderte Abfahrtsorte.” Allerdings ohne nähere Hinweise darauf, welche Bahnlinien das betrifft und wohin sich die Abfahrtsorte verlegt haben könnten. Na war ja klar, dass nicht alles glatt laufen kann. Ist doch Montag. Tuts aber dann doch. Die Bahn fährt mit 5 minütiger Verspätung ein. Fühle mich schon sehr zuhause hier. Reibungslos geht’s weiter und plötzlich stehe ich wieder in einer Schule. Ein wirklich netter Hausmeister weist mir den Weg ins Sekretariat. (Auch die Kartenverkäuferin heute früh war so nett. Das scheint hier so üblich zu sein. Find ich gut.) Dort empfängt mich eine nette Lehrerin, die die nächsten zwei Wochen Ansprechpartnerin für mich und den anderen “Orientierungspraktikanten” sein wird. Sie zeigt uns die Schule, das Lehrerzimmer, die Lehrertoiletten (ha, da durfte ich früher nicht hin) und stellt uns unzähligen Lehrerkollegen vor. Ich hab nicht einen Namen behalten, aber das Gefühl sehr herzlich und interessiert begrüßt worden zu sein – und das bei zwei Wochen Praktikumszeit. Mich überrascht wie viele junge Lehrer an dieser Schule unterrichten. Vielleicht bin ich aber auch einfach selbst älter geworden und habe durchs Ultimate viel mehr mit älteren Menschen (als ich es bin) zu tun und von daher scheint die Distanz nicht mehr so groß. Außerdem stehe ich ja heute im Gegensatz zu damals auf der anderen Seite. Komisches Gefühl.
Erste Stunde Sport in der 10. In der Turnhalle steht ein Haufen kleiner Mädchen vor mir. Was? Die sind in der 10ten Klasse? Tatsache. Der Eindruck von zwar Heranwachsenden aber dennoch Kindern bleibt. Ich fühle mich ein bisschen überflüssig und fehl am Platz. Darf mich selbst vorstellen. Aus mir heraus kommt ein steifes “Mein Name ist Frau XY und ich mache hier für zwei Wochen ein Praktikum um mir die Schule mal anzuschauen (Dass ich herausfinden will, ob ich wirklich Lehrerin werden will, fällt mir in dem Zusammenhang irgendwie nicht ein.) Anschließend bauen die Mädchen ziemlich selbstständig Turngeräte auf. Juhu. Turnen. Da kann ich ja überhaupt nicht helfen. Bin immernoch ziemlich kontaktscheu und beobachte die Lehrerin und Kinder. Beim Mattenberg, der als Vorübung zum Handstandüberschlag am Sprungtisch dienen könnte, darf ich Hilfestellung geben. Nach anfänglicher Unsicherheit, bin ich froh eine Aufgabe zu haben und beeindruckt, dass alle Mädchen mitmachen und wie gut es im Großen und Ganzen läuft.
Anschließend sitze ich bei der gleichen Klasse im Matheunterricht und die kleinen Mädchen von vorher verschwinden zusehends. Irgendwie werden sie in meiner Wahrnehmung im Verlauf der Stunde älter. Interessant sind auch die Jungs zu beobachten, die die zwei Jahre Unterschied, die irgendwann entwicklungstechnisch zwischen Jungs und Mädchen liegen, definitiv schon wieder aufgeholt haben. Monotonie ist das heutige Thema. Sagt mir was. Aber wie man es erklären kann, wüsste ich aus dem Stehgreif auf jeden Fall nicht mehr. Ist scheinbar auch bei mir schon zu lange her. Ich erkenne in der Unterrichtssituation Rollenverteilungen, die mir bekannt vorkommen. Die Matheasse, die immer alles gleich wissen, andere, die mit den Aufgaben gar nicht erst anzufangen scheinen. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich Aufgaben mitrechne und mich freue, wenn ich sie richtig löse. Der Weg vom Schüler zum Lehrer hat eben erst angefangen.
Nach der Stunde erklärt mir die Lehrerin, dass alle Mathelehrer der zehnten Klassen ein gemeinsames Unterrichtskonzept entwerfen, um die Inhalte möglichst gleich zu vermitteln. Ich habe den Eindruck, dass sich hier Menschen wirklich Gedanken machen, und das gefällt mir gut. Außerdem habe ich heute viele Sport- und Mathelehrerinnen getroffen, nicht unbedingt in der Kombination, aber eben Frauen, die eines der Fächer unterrichten. Find ich gut.
Nach dem Unterricht haben wir uns dann nocheinmal zusammengesetzt um den morgigen Tag zu planen und die betreffenden Kollegen vorzuwarnen, dass sie einen Beobachter in den Unterricht bekommen.

Vor lauter Informationen und Planungen war mein Kopf dann langsam zum Platzen voll. Von daher bin ich ganz froh, als ich in der Sonne an der Haltestelle stehe und auf den Zug warte. Ich genieße die Heimfahrt und schmiede Pläne für den weiteren Tagesverlauf. Erstmal die Eindrücke hier sammeln, dann einkaufen, dann dringen mal was essen, vielleicht dann doch dem ein oder anderen Mitbewohner über den Weg laufen und mich vorstellen, die nähere Umgebung erkunden und dann heute Abend ab nach Ditzingen und outdoor ein bisschen Frisbee gucken oder vielleicht auch spielen, wenn es sich ergibt.

Die Fotoproblematik habe ich vorerst gelöst, darum jetzt also noch ein Nachtrag. Interesanntere Fotos kommen sicher auch noch die Tage.

Image

Image

Also, auf gehts mit der Nachmittagsgestaltung in der Sonne, bis morgen!

Morgen hab ich übrigens zu ersten. 7:45 Unterrichtsbeginn. Klingt traumhaft? Wird es sicherlich auch.

Standard