elfter Tag

»I’m gonna let my freak flag fly
I’ve been a fool a lifetime
but today I’ll be the king.
I’m gonna let my freak flag fly
waving high up in the air
for everyone to see.«

Caesar’s Palace ~ Freak Flag

Uuuh, Donnerstag. Ich wache vor dem Wecker auf. Bin hibbelig. Mir ist schlecht. Pah! Warum das denn. Hey, das sind Kinder. Und ich darf ihnen was beibringen. Die sind doch eher dankbar als böse. Haha. Also auf geht’s.

Beim Uberqueren der Straße schau ich schön nach links, höre Dank der Musik nicht viel, schaue auf der Hälfte der Straße nach rechts und sehe mich spontan mit einem Bus konfrontiert. Hoppla. Ist er auch so erschrocken? Ne, der kennt das schon, er wartet geduldig. Ich steh ja auf einem Zebrastreifen. Trotzdem. Glück gehabt. Mist. So schlimm ist das mit der Stunde ja auch nicht, dass ich mich gleich vom Bus überrollen lassen muss um sie nicht halten zu müssen.

Ich steh vor der Klasse: “Guten Morgen!” Klasse: “Guten Morgen Frau …” Ich grinse, sage meinen Namen “Frau D…!” Okay, vielleicht leg ich mir noch einen einfacheren Nachnamen zu bis ich Lehrerin werde. Merke kurz, dass alles weg ist, was ich mir überlegt habe, Bilder von vergangenen Vorträgen schießen mir durch den Kopf. Erinnerungen daran, dass ich ab einem bestimmten Punkt immer anfange mir selbst zuzuhören und ganz gespannt darauf zu warten, was ich wohl als nächstes von mir gebe. Schluss. Tageslichtprojektor an.
“Ich darf euch heute ein neues Thema beibringen. Gleichungen. Dazu schauen wir uns einmal folgendes Beispiel an…”
Die Schüler sind still, aufmerksam, arbeiten mit. Es weiß immer jemand die Antwort auf meine Fragen. Nach dem ersten Beispiel haben sie Zeit es abzuschreiben und ich mich in Ruhe in meiner Rolle als Lehrende anzuschauen. Durchatmen. Ja, passt. Viel entspannter gehe ich das nächste Beispiel an. Es läuft. Bei den Übungsaufgaben gibt es vereinzelt Fragen, aber ich kann helfen und die Lehrerin lässt mich machen. Vor der Stunde wurde mir gesagt, dass ich die 5-Minuten-Pause zur Not auch noch ein bisschen verschieben kann, wenn wir nicht fertig geworden sind. Tja, da steh ich 10 Minuten vor Stundenende. Die Schüler sind einfach zu gut gewesen für meine Planung. Wir vergleichen also die gerechneten Aufgaben, klären Schwierigkeiten. Immernoch 5 Minuten. Ich schaue flehend zur Lehrerin und sie gibt mir das Okay die Pause vorzuziehen. Alles klar, ich hab nicht dieses “Ref-Problem” die Stunde zu voll zu packen. Für meine nächste wird es “Falls-noch-Zeit-ist-Aufgaben” – FnZiA klingt gut – geben.
Am Ende der zweiten Stunde fragt mich die Lehrerin, ob ich Feedback von der Klasse haben möchte. Mit dem Hinweis “man muss sich das schon trauen, Kinder sind ehrlich.” Ich denke mir, dass ich sie nach Freitag eh nicht wieder sehe, sollte ich in 5 Jahren wieder an dieser Schule enden, haben sie hoffentlich ihr Abitur. Also, was solls. Es kann mir ja auch nur helfen.
“Ich fand gut, dass Sie frei gesprochen haben.” “Ich fand gut, dass sie geholfen und gut erklärt haben, wenn jemand eine Frage hatte.” “Ich fand das Beispiel, was Sie genommen haben, sehr gut und verständlich.” “Ich fand gut, dass Sie eine Aufgabe genommen haben, die wir zusammen gerechnet haben, aber auch Aufgaben, die wir allein rechnen durften.” “Sie waren gleich da, wenn jemand Hilfe brauchte, das fand ich gut.” “Ich fand, dass das mit dem Tageslichtprojektor ein bisschen schwierig zu lesen war, weil das Bild so klein war.” “Ich fand gut, dass man Ihre Schrift gut lesen konnte, es gibt so Lehrer..” kichert.
Dass die Klasse Feedbackgeben geübt hat ist nicht zu überhören. Sie wissen genau, was sie wie formulieren sollen, Ich-Perspektive und überhaupt.
Danke! Und habt ihr noch etwas, was ich verbessern kann? Keiner meldet sich. Okay, warum genau hab ich mir Stress gemacht? Ach klar, damit es so gut werden kann.
Ich hab selber ein paar Punkte gemerkt, an denen es gehakt hat, im Feedback der Lehrerin besprechen wir das später auch, aber im Großen und Ganzen habe ich mich eigentlich ganz wohl gefühlt. Das galt es herauszufinden. Ja okay, ehrlich gesagt hab ich ziemlich geschwitzt (hatte noch eine “Strickjacke” drüber, hat also keiner gesehen) aber das legt sich mit der Berufserfahrung sicherlich. Bis dahin wasch ich dann halt ein bisschen öfter.
Glücklich schwebe ich in den anschließenden Sportunterricht, wo ich schon das zweite Mal bei einer Prüfung dabei bin und mit dem Lehrer beraten darf. Ist gar nicht so einfach objektive Bewertungskriterien und persönlichen Einsatz unter einen Hut zu bekommen. Vor allem wenn man sich überlegt, was eine schlechte Note mit der Motivation eines Schülers macht, der z.B. nicht gut und nicht motiviert war. Demotiviert das nicht noch mehr? Aber eine bessere Note zu geben, als bei der Leistung angemessen, ist den anderen Schülern gegenüber unfair. Bin froh, dass ich letztendlich nicht über die Note entscheide.
Hier übrigens noch das Foto über Stuttgarts Dächern als Nachtrag:

über Stuttgarts Dächern

So, jetzt gibt’s Apfelstrudel, ich muss los!
Tschühüüüss!

Achso, achso, weil ich’s immer wieder vergesse: Viele Grüße auch an meine Leser aus Venezuela und Rumänien (Häääää?!?! 😀 )

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